Fehlerhafter Denkansatz

Überlegungen von Nick Schallock

Die weitestgehende Sinnlosigkeit von sogenannten eMail-Disclaimern hat verschiedene Ursachen. Folgende grundsätzlichen Fehler werden gerne von den Benutzern solcher Disclaimer übersehen. Anhand eines beispielhaften Disclaimers, der mich so direkt erreicht hat, versuche ich das näher zu erläutern:

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Wichtige Termine - bitte vormerken:
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Der Inhalt dieser E-Mail ist vertraulich und ausschliesslich fuer den
bezeichneten Adressaten bestimmt. Wenn Sie nicht der vorgesehene Adressat
dieser
E-Mail oder dessen Vertreter sein sollten, so beachten Sie bitte, dass
der
Inhalt urheberrechtlich geschuetzt ist und dass jede Form der
Kenntnisnahme,
Veroeffentlichung, Vervielfaeltigung oder Weitergabe des Inhalts dieser
E-Mail
unzulaessig und ggf. strafbar ist.
Wir bitten Sie, sich in diesem Fall umgehend mit dem Absender der E-Mail
in
Verbindung zu setzen.Der Inhalt der E-Mail ist nur rechtsverbindlich, wenn
er
unsererseits durch einen unterzeichneten Brief gleichlautend bestaetigt
wird.
Vielen Dank fuer Ihr Verstaendnis.

Sicherheitscheck: Diese Mail und die Dateianlagen wurden vom Absender mit
Norman
Virus Control (NVC) auf Computerviren geprüft.

(kaputter Zeilenumbruch ist original so vorhanden, Termine waren auch nicht erwähnt)

1. Fehler: Logik

wenn ich bis zu dem Disclaimer komme, habe ich die Mail hinter mir und das übliche "nicht zur Kenntnis nehmen" etc. ist obsolet. Der gleichfalls gebetsmühlenhaft vorkommende Satz "wenn Sie nicht der Empfänger sind, dann..." kann wirkungsvoll mit der "To:"-Zeile im Header entkräftet werden (schliesslich landete die Mail in meiner Inbox), bzw. mit der defekten Kristallkugel (woher soll man wissen, wen der Absender denn nun "meinte")

2. Fehler: rechtliche Ungenauigkeit

der juristische Wert eines nachgeschobenen Disclaimers ist wohl mehr als fragwürdig. Niemand braucht sich an Auflagen halten, die einem ein Anderer ohne jegliche vertragliche Grundlage auferlegt. Gelegentlich auftauchende Verweises auf "diese Mail ist Urheberrechtlich geschützt und darf weder..." scheitern in mindestens 99% aller Fälle schon an dem Begriff "Schöpfungshöhe" im Urheberrecht. Ein kurzer Blick in das Urheberrecht zeigt ausserdem, dass dort nirgends abgeleitet werden kann, man dürfte ein urheberrechtlich geschütztes Werk (was ja hier kaum zurtifft) nichtmal zur Kenntnis nehmen. Desweiteren steht es einem frei, persönlich empfangene Postkarten (eine eMail ist nichts anderes) rumzuzeigen

3. Fehler: Formale Unzulänglichkeit

an eine häufig vorkommende Kurzmitteilung á la "Ich werde mich erkundigen. Bis bald" noch die 20fache Zeilenanzahl für Standardfloskeln (bei mehrsprachigen Disclaimern noch mehr Zeilen) ranzuhängen, ist eine unglaubliche Bandbreitenverschwendung. Desweiteren sind solche Disclaimer in der Regel nicht einmal durch korrekte Signaturtrenner "-- " abgetrennt (die empfohlene Sig-Länge von max 4 Zeilen a 72 Zeichen werden sowieso nie eingehalten), sondern z.B. gerne mal durch 1-2 Zeilen voller Sternchen oder Kreuze hervorgehoben. Das hat zur Folge, dass Replys mühselig von Hand editiert werden müssen, um den Ballast nicht mitzuquoten. Von der Leserlichkeit ganz zu schweigen. Der obige Disclaimer toppt das Ganze noch dadurch, dass der Inhalt der Mail generell geleugnet wird, wenn nicht noch zusätzlich ein Papierbrief mit gleichlautendem Inhalt vorliegt. Warum dann überhaupt noch Mail benutzen?

4. Fehler: ruiniertes Image

ein gern übersehener Punkt, wie ich finde, der sich aus den vorherigen Punkten ergibt und wohl der schwerwiegendste ist. Es zeugt einfach von mangelnder Kompetenz im Umgang mit

jedesmal durchlesen und die Replys editieren?) und am wichtigsten im geschäftlichen Mailverkehr:
Es lässt an der Vertrauenswürdigkeit eines Unternehmens zweifeln, wenn jede Mail permanent impliziert: "Wir wissen eigentlich nicht, an wen wir evtl. alles Geschäftsgeheimnisse verschicken". Desweiteren ist es eine dreiste Unverschämtheit, bei eigenem Versagen noch Leistungen beim Anderen einzufordern (häufig: "...werden Sie hiermit aufgefordert, uns zu benachrichtigen, diese Mail zu vernichten, den Sender zu benachrichtigen..." etc.pp.).

Getoppt wird das Ganze nur noch durch die Reaktion der Mail-Partner, wenn man sie auf obige Punkte hinweist. Die Reaktion sind da vielfältig:

Alles in allem sollten sich die Entscheider einer solchen Firmen gut überlegen, welche Gründe für und welche gegen einen obligaten Disclaimer sprechen.. Der einzige Grund FÜR einen Disclaimer kann IMHO nur das FUD sein. Fear, Uncertanty, Doubt. Absichern kann man sich durch solche Disclaimer nicht - also will man wohl nur seine Partner verunsichern - aber kann das eine Grundlage für erfolgreiche geschäftliche Beziehungen sein?

Spam ist nicht das Schlimmste daran. E-Mail Disclaimer...

Nepal im Mai 2000.

ImpressumDieses Dokument im WWW: http://www.dominik-boecker.de/email/disclaimer/ueberlegungen.html
Letzte Änderung: 01. Dezember 2002